Deutsche Atomkraftwerke laufen länger
Lidové noviny - Tschechien
Rückkehr zur Vernunft
Die Einigung der schwarz-gelben Koalition in Deutschland auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke ist eine Revolution, meint die konservative Tageszeitung Lidové noviny: "Eine Revolution gegen die Überzeugung, dass wir, die Bürger und Wähler, alles auf einmal haben können - sauberen, sicheren und außerdem auch noch billigen Strom. Es ist eine Revolution gegen die Gewohnheit, dass sich eine Politiker-Riege an das hält, was eine frühere zugesichert hat. Es ist eine Revolution gegen das Atomausstiegsgesetz, das vor acht Jahren von der rot-grünen Regierung durchgesetzt wurde. Dennoch ist das, was wie eine Revolution aussieht, eigentlich nur die Rückkehr zur Vernunft. Die Regierung hat die Laufzeiten der Atommeiler nicht zum Vergnügen verlängert, um ihren Vorgängern zu beweisen, dass sie deren Regeln niederwalzen kann. Sie handelte vielmehr aus der Überzeugung, dass die Angst vor wachsenden Preisen für alternativem Strom größer ist als die vor dem Atomstrom. Ob das tatsächlich so ist, werden die Proteste dagegen zeigen." (07.09.2010)
vollständiger Artikel (tschechisch)
El País - Spanien
Wende in der internationalen Atompolitik
Mit der Verschiebung des Ausstiegs aus der Atomenergie folgt Deutschland dem Beispiel der USA, schreibt die linksliberale Tageszeitung El País: "Die Maßnahme ... ist eine bedeutende Wende in der europäischen Geschichte der Atomenergie. Berlin hat eine entscheidende Rolle in der Bildung einer öffentlichen Meinung gegen die Atomkraft gespielt und so anderen Ländern den Weg gewiesen, vor allem der spanischen Regierung. Berlin schließt sich so der neuen Pro-Atom-Politik von der anderen Seite des Atlantiks an. Dort unterstützt Barack Obama, der die erneuerbaren Energien konsequent verteidigt, nach 30 Jahren Baustopp die Errichtung neuer Atomkraftwerke. Das liegt darin begründet, dass es für unseren Planeten wichtig ist, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, der bei der Nutzung fossiler Brennstoffe entsteht. Um diese Brennstoffe signifikant zu reduzieren, muss man viel Kraft in die erneuerbaren Energien stecken und gleichzeitig die Produktion von Atomenergie erhalten oder sogar verstärken." (07.09.2010)
vollständiger Artikel (spanisch)
Bundeskanzlerin Angela Merkel preist die Laufzeitverlängerung als eine Energie-Revolution an. Dagegen hält die linksliberale Frankfurter Rundschau die Entscheidung für unklug und wirtschaftlich rückwärtsgewandt: "Die erneuerbaren Energien sind schließlich kein Freizeitvergnügen von Öko-Optimisten. Sie sind ein nicht mehr wegzudenkender Wirtschafts- und Wachstumsfaktor. ... Merkel hätte niemals einer Laufzeitverlängerung zustimmen dürfen, die der Atomindustrie so wenig, ja eigentlich nichts abverlangt. Sie hätte niemals Ja sagen dürfen zu solch gigantischen Zusatzgewinnen ohne nennenswerte Gegenleistung. Sie verletzt damit das inzwischen außerordentlich scharf ausgeprägte Gerechtigkeitsdenken in der Gesellschaft. Ein Gerechtigkeitsdenken, das sich ganz unterschiedlich Bahn bricht: im Protest gegen den gigantischen Bahnhof Stuttgart 21, in der Zustimmung zu Sarrazins Beschreibung des Integrationsversagens, im Widerstand gegen eine Einheitsschule und, wir werden es erleben, in der Empörung gegen noch mehr Atommüll und eine ungelöste Endlagerfrage." (07.09.2010)
(www.eurotopics.net)
12.09.2010 21:13
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