Bruttonationalprodukt vs. Bruttonationalglück?
von Mag. Stephan Gruber-Fischnaller
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und das Bruttonationalprodukt (BNP) sind in politischen und ökonomischen Kreisen feste Bestandteile der Bewertung von gesellschaftlicher Entwicklung und oftmals Grundsteine politischer Entscheidungen. Als Durchschnittsbürger_in in Europa allerdings haben diese Kennzahlen häufig nur wenig Aussagekraft über den Zustand und die Qualität des alltäglichen Lebens. So gibt es beispielsweise Studien die aufzeigen, dass die persöniche Lebenszufriedenheit der Menschen in Europa trotz meistens ansteigendem Wirtschaftswachstum, sprich wachsendem BIP, sich seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr erhöht hat. Der englische Soziologe Geoff Mulgan vom Institut für soziale Innovation in London bemerkt hinsichtlich der Überschätzung von ökonomischen Kennzahlen wie BIP und BNP: "Bei der Bewertung des Wohlbefindens ist auffällig, dass sich die Zahlen wenig verändern. Dass ein hohes Einkommen nicht unbedingt glücklicher macht, steht ja längst fest."
Aufgrund solcher wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt es bereits seit mehreren Jahrzehnten das Bestreben nach neuen Indikatoren für die Entwicklung von Ländern und Gesellschaften. Erste Bemühungen der reinen ökonomischen Betrachtung von menschlicher Entwicklung (BIP/BNP) andere Faktoren entgegenzustellen gibt es bereits seit rund einem halben Jahrhundert. Im Rahmen der vom Westen inizierten Entwicklungsprogramme für die Länder des Südens (damals noch als Entwicklungsländer oder 3.Welt bezeichnet) kam bereits zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Human Development Index (HDI) zum Einsatz. Dieser "Menschliche-Entwicklungs-Index" vereint unter anderem Faktoren wie Lebenserwartung, Bildungsniveau und Kindersterblichkeit zu einer Kennzahl, die den Entwicklungsstand bzw. die Fortschritte einer Gesellschaft aus nicht ökonomischer Perspektive bewertet. Angesichts der Tatsache, dass eine hohe Lebenserwartung, relativ gerechte Bildungschancen und gute Gesundheitsstandards in modernen Gesellschaften wie der unseren als Selbstverständlichkeit gelten und auch global gesehen längst weltweit etabliert sein sollten, besteht nun die Notwendigkeit menschliches Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden mit weitreichenderen Kennzahlen zu messen.
Als erster Staat hat das asiatische Land Bhutan bereits in den 1970er Jahren das "Bruttonationalglück" als wichtigstes Entwicklungsziel festgeschrieben und orientiert sich seit damals in seinen politischen Entscheidungen an diesem Richtwert. Bruttonationalglück wird in Bhutan unter anderem an Faktoren wie individuelle Lebenszufriedenheit, Schutz kultureller Werte und Schutz der Umwelt gemessen: Und tatsächlich zählt die Bevölkerung Bhutans laut Studien zu den glücklichsten Menschen der Welt.
In unserer hochmodernen und aufgeklärten westlichen Welt werden solche politische aber auch gesellschaftliche Ansätze abseits " harter ökonomischern Fakten" wie des BIPs häufig mit einem Lächeln abgetan. Doch auch hierzulande erfreut sich dieser Gedanke wie bereits erwähnt immer größerer Beliebtheit. So wurde beispielsweise vor kurzem ein ähnlicher Index in Großbritannien entwickelt und getestet. Der Well Being Index (WBI) misst beispielsweise die Selbsteinschätzung des eigenen Lebenswertes, Gesundheitsfaktoren wie ausreichende Bewegung und Fitness sowie psychisches Gleichgewicht und Zufriedenheit in der Arbeitswelt. Eingeführt haben diesen neu entwickelten Maßstab menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung bisher Frankreich, Großbritannien und Kanada. Inwiefern weitere Länder folgen und inwieweit politische Entscheidungen dann tatsächlich aufgrund veränderter Daten des Well Being Index und nicht mehr aufgrund einer besseren oder schlechteren Entwicklung des BIPs gefällt werden, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wäre eine stärkere Berücksichtigung von nicht ökonomischen Faktoren bei der Beurteilung von Länderentwicklungen aus oben argumentierter Perspektive sicherlich wünschenswert. Denn wie hat bereits der Schriftsteller George Bernard Shaw treffend formuliert:
"Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 zehnmal so reich sind, wie sie mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehn mal so glücklich."
08.06.2011 11:49
Kommentare
Kommentare abgeben oder lesen

