Eine Rede zum Thema „Der Bauer als Millionär“

4. November 2017 Keine Kommentare

Geschätztes Publikum, mein Name ist Isabell Aigner und ich bin Schülerin des Francisco Josephinum in der Abteilung Lebensmittel und Biotechnologie. Mein Redethema lautet: „Der Bauer als Millionär.“

Wo der Bauer arm ist, ist das ganze Land arm.

Sehr geehrte Damen und Herren, bei diesem Zitat aus Polen werden viele vermutlich an Geld denken. Ich kann es Ihnen nicht verübeln, schließlich besagt ein anderes Zitat, dass Geld die Welt regiere. Aber hier geht es nicht um Geld. Es geht um etwas sehr viel Wichtigeres. Um unbezahlbaren Reichtum. Nämlich um Leben.

Die Rechnung ist eigentlich ziemlich einfach: ohne Nahrung kein Leben. Ohne Energie kein Handeln. Ohne Acker kein Korn. Ohne Schwein kein Schnitzel. Ohne Henne kein Ei und ohne Kuh keine Mil.. -KA. Ja, Sie haben schon richtig gehört, ohne Kuh keine Milka.

Schließlich kennt sie ein jeder, die lila Kuh oder das kleine Ja- natürlich Schweinchen, das mit dem Bauern unbeschwert über die Wiese rennt. Oder den Slogan: „Was sich der Hofstätter schon wieder erlaubt?“

Aber die Frage, wertes Publikum, die Frage sollte eher sein, was wir uns eigentlich erlauben. Wir, die die Landwirtschaft in ein völlig falsches Licht rücken. Fernab der Realität. Und was ist die Realität? Billig. Billig soll es sein. Immer mehr. Immer schneller und immer billiger. Dass das Schweinchen dann nicht über die Wiese spaziert, sondern im Maststall brav seine errechnete Ration frisst, sehen wir nicht. Und wenn wir doch hinter die Kulissen blicken, sind wir schockiert vom „bösen Bauern“. Vom Unmenschen, der aus reiner Profitgier immer mehr Tiere in immer größere Ställe pfercht, damit unser Schnitzel immer billiger und unser Gewissen immer schlechter werden kann. Aber, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vergessen wir nicht, dass es die Milka-Kuh ist, die uns daran erinnert, dass wir zart sein sollen.

Das Problem ist, dass wir offenbar das Wesentliche vergessen haben. Die einfache Rechnung. Den kurzen Satz mit so hoher Bedeutung. Ohne Nahrung kein Leben. Warum das Lebensmittel wohl LEBENSmittel heißt.?

Seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte waren es die Jäger und Sammler und schließlich die Bauern, die die Nahrungsversorgung gesichert haben. Und seit dem Jahr 1995 ist die Anzahl der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe in Österreich laut „Topagrar“ um mehr als 30% gesunken. Etwa weil in der modernen Welt keine Nahrung mehr gebraucht wird? Nein. Weil Dinge, die sich in der modernen Welt nicht rentieren, gestoppt werden. Etwa weil der Bauer die Dollarzeichen in den Augen hat? Nein. Weil der Bauer so wie Sie und ich nicht im Stall, sondern in einem Bett schlafen will.

Am Ende sind wir alle abhängig von Herbert mit der Mistgabel und Lisl mit der Milchkanne. Von den Entscheidungen, die sie treffen. Von den kleinen und großen Betrieben. Konventionell und bio. Ackerbau und Mast. Landwirt und Landwirtin. Von dem, was wir von ihnen auf den Teller bekommen. Und wenn wir über den Tellerrand hinausblicken, werden wir sehen, dass dort, wo der Bauer arm ist, das Land arm ist, denn was der Bauer nicht hat, kann der Bauer nicht geben.

Heutzutage können wir uns das Gott sei Dank oder leider nur schwer vorstellen. Schließlich gehen wir in den Supermarkt und die Regale sind gefüllt. Prall gefüllt mit allem, was wir brauchen. Und allem, was wir nicht brauchen. Schließlich wirft laut „Mutter Erde“ jeder österreichische Haushalt mehr als ein Viertel der eingekauften Lebensmittel in den Mistkübel, während andere verhungern. Und wir? Wir werden erschlagen. Vom Produktüberschuss. Von den Angeboten. Von den Rabatten und den Aktionen. Dass der Bauer bereits um fünf Uhr morgens im Melkstand steht und welche Leistung die Kuh dabei erbringt, sehen wir nicht. Dass der Bauer mit dem Mähdrescher oft die Nächte durchfährt, um das Korn zu ernten und was das für den Boden bedeutet, wissen wir nicht. Zu unserer Verteidigung: woher denn auch? Woher soll noch irgendjemand den Wert von etwas kennen, wenn das Einzige, das scheinbar zählt, sowieso nur der Preis ist? Schließlich definieren wir heutzutage so gut wie alles über Zahlen. Über Preisschilder, Ohrmarkennummern, Tagesgewichtszunahmen, Fetteiweißquotienten, Tausendkorngewichte, N-Bilanzen, Hektar. Die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Und die nächste Zahl ist 22. 22 Jahre, in der die Anzahl der bäuerlichen Betriebe in Österreich um fast ein Drittel gesunken ist. Dazu fällt mir nur mehr eines ein, nämlich die Frage, wann es drei Drittel, 100%, 0 Bauern sein werden.

Geschätzte Damen und Herren, ich erhebe meine Stimme, um zum Nachdenken anzuregen, um zum Handeln aufzufordern, um das Gute zu fördern. Und ich nutze meine Hände und meine Füße, um in der Landwirtschaft meiner Familie Taten umzusetzen, die ich für das Tier, den Globus, die Gegenwart, die Generationen nach mir und für mein Gewissen für richtig halte.

Mir ist wohl bewusst, dass all diese Dinge leichter gesagt sind, als getan. Aber, wenn wir an den einfachen Grundsätzen festhalten , nachdenken bevor wir handeln, wertschätzen bevor wir richten, danken bevor wir klagen und Regionales dem Importierten vorziehen, wird das Land reich sein und der Bauer ein Millionär. Nicht etwa, weil seine Geldbörse prall gefüllt ist und er sozusagen ein Leben in „Hülle und Gülle“ führen kann. Sondern weil auch er reich ist an Verantwortung, an Wertschätzung, an Tatkräftigkeit. Reich an Nachhaltigkeit. Reich an Überzeugung von seinem Tun. Reich an gutem Gewissen. Aber vor allem reich an Leben.

Vielen Dank.

 

Diese Rede wurde im Rahmen des NÖ Jugend-Redewettbewerbs 2017 gehalten.

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